Zurück aus der Zukunft 

Rezension zu Exodus 42 (03/2021) von Aiki Mira

Das erste, was auffällt, ist das über Vorder- und Rückseite laufende Coverbild. Ein Kunstwerk von Simon Lejeune, zu dem es im Heft ein Special gibt. Lejeunes siamesische Zwillinge kommen doppelseitig gut zur Geltung, auch weil der Heftumschlag sonst clean gehalten ist, also ohne Werbung oder Ankündigungen.

Die zwischen den Storys eingeblendete Lyrik hat der Spamfilter in meinem Hirn auf Grund von Größe und Platzierung fälschlicherweise als Werbung eingeordnet und automatisch ausgeblendet. Die echte Werbung ist teilweise so gut gestaltet wie eine Magazin-Seite, und weil es da meist um SF geht, habe ich sie mir gern angeschaut. Die Lyrik habe ich später nachgeholt, finde sie als Zwischenspiel zu den Geschichten sehr gelungen und angenehm zu lesen.

In der ersten Geschichte "Nachtschicht" von Thomas Kolbe möchte der Ich-Erzähler, eigentlich auf "verschiedenen Erdteilen herumreisen, Leute andere Länder kennenlernen", stattdessen landet er als Notfallmediziner auf einer diplomatischen Raumstation und muss sich an den "Anblick fremdartiger Lebensformen" erst gewöhnen. Während seiner Nachtschicht ist er gezwungen, auch solche "Fremdwesen" zu behandeln. Die starre Trennung zwischen Mensch und Außerirdischem erinnert an die Ängste der frühen SF. Hier fehlt es mir an Neugier oder gar Faszination das Gegenüber kennenlernen zu wollen. Bis zum Schluss bleiben Aliens "exotisch". Die dazugehörige Illustration von Oliver Engelhard fängt das gut ein: Der Protagonist steckt, wie aus der Zeit gefallen, in einem ritterüstungsähnlichem Raumanzug, die Alien-Wesen leuchten dagegen in psychedelischen Farben.

In seiner Fixierung auf Kaffee ist mir der Protagonist extrem sympathisch. Ich mache mir nur Sorgen, dass er dadurch von seinem Job abgelenkt wird!

"Wenn ich Pech habe und es nicht funktioniert, sind sie gar, und ich habe eine Anklage wegen Massenmords am Hals." (S.10)

Fazit: Optimale Länge, unterhaltsam, guter Einstieg ins Heft.

(So jetzt erstmal eine Tasse Kaffee und dann weiterlesen...)


"Am Ende - Eden" von Maria Orlovskaya wirft mich ins Geschehen, ohne lang und breit die Welt zu erklären - das gefällt mir! Ich finde mich in einer Welt wieder, die mit "Zofen" und "Prinzessinnen" ziemlich altmodisch daher kommt. Sobald das Wort "Wache" fällt, klingeln bei mir die Margaret-Atwood-Dystopie-Alarmglocken. Es tauchen noch andere Hinweise auf, die andeuten, mit dieser Welt stimmt etwas nicht. Also, wann komm der SF-Moment? Die Autorin hat jedenfalls Spaß daran alle weiblichen Personen mit wohlklingenden Namen zu beglücken: Nastea, Asya, Maya, Lia, Kinga, Saera... Und ich warte immer noch auf den SF-Moment... Gut, es werden "Sturm-Krieger" und Styx erwähnt, zählt das schon als SF? Die einzige "Technologie" dieser Welt erinnert an die Periduralanästhesie, die in Deutschland tagtäglich eingesetzt wird, um Schwangere durch eine Spritze in die Wirbelsäule zu betäuben, damit sie vom Schmerz der Geburt weniger mitbekommen. Bei Atwood hat die feministische Dystopie so gut funktioniert, weil sich die Magd noch an unsere moderne Gegenwart erinnern konnte. Dieser Kontrast zwischen Vorher/Nachher fehlt mir in der Story (das Vorher ist dort nicht viel besser als das Nachher).

Die Illustration von Uli Bendick finde ich sehr gelungen. Mit Hilfe der Collage erzeugt das Bild eine Spannung zwischen Moderne und altmodischer Palastüppigkeit. Diese Spannung wird in der Story nur am Wort "Latex" angedeutet. Das Ende begeistert mich. Der letzte Absatz ist nahezu perfekt und meine Lieblingsstelle! Eine andere Lieblingsstelle:

"Du suchst dir immer aus, in welcher Position ich einschlafe. Oder aufwache." (S.16)

Fazit: Insgesamt gelungene Story, bei der mir das Ende besonders gut gefällt!


Die Story "Schwarmverhalten" von Olaf Lahayne nimmt schnell Geschwindigkeit auf. Ort des Geschehens ist ein Café, das von Mecha-Bienen heimgesucht wird. Ein so genannte "Sauberfrau" entpuppt sich als einziger Mensch mit Fachkenntnis. Diese Fachfrau ist obendrein körperlich so stark, dass sie eine Granitplatte aus ihrer Verankerung reißen und durch die Luft schleudern kann - sehr gut, gefällt mir! Die farbenfrohe Illustration von David Staege passt exzellent, weil sie genau wie die Story weniger auf düsteren Horror und mehr auf Humor und Leichtigkeit setzt.

Kurt, der Anzugträger, wirkt zwischendurch wie ein Mary-Sue-Charakter, der zufällig immer alles weiß, weil er es "irgendwo" gelesen hat. Da finde ich die Fachfrau aka Kraftprotz aka my personal hero sympathischer. Seltsam nur, dass die junge Frau altertümliche Worte wie "Beelzebub" benutzt. Der allwissende Anzugträger Kurt dagegen "Urban Legend" und "Fight" sagt. Soll er dadurch coolinisiert werden?

Am Ende gibt es noch einen Twist. Der wird leider durch einen eher künstlich wirkenden Dialog erklärt. Das hätte durch subtil eingestreute Hinweise eleganter gelöst werden können. Trotzdem gefällt mir die Story insgesamt sehr gut! Seit längerem beschleicht mich der Verdacht, dass ich eine Schwäche für SF habe, sobald sie von Österreicher:innen geschrieben wird. Wahrscheinlich weil ich diesen Sound, diese sprachliche Casuality so gern mag.

"Zehn Sekunden!", schreit darauf der Besitzer in die Runde. "Wer dann nicht draußen ist...Meine Versicherung zahlt nicht! Los, Fritz!" (S.20)

Fazit: Temporeiche, amüsante, vornehmlich durch Handlung und Dialoge erzählte Story


"Notizen zur Beobachtung von Schildkröten nach einer Bruchlandung" von Lisa Jenny Krieg wird, wie der Titel andeutet, durch Tagebucheinträge erzählt. Das gelingt auf eine sehr angenehme und atmosphärische Weise, die ohne Info-Dumping auskommt und mich, ohne dass ich es merke, mehr und mehr in die Geschichte hinzieht. Wie zwei unterschiedliche Spezies miteinander in Beziehung treten, wird anhand einer sich subtil aufbauenden Spannung vermittelt. Die Ich-Erzählerin beobachtet die Schildkröten mit ehrlichem Interesse, macht keine exotischen Fremden aus ihnen, sondern Lebewesen, von denen sie lernen kann, z.B. welche Nahrung sie essen kann oder wo sie Wasser findet. Zugleich schleicht sich beim Lesen das Gefühl ein, dass die Schildkröten die Ich-Erzählerin mit ähnlichem Interesse beäugen. Hier findet also ein anderer Umgang mit dem vermeintlich Fremden statt - zumindest zu Beginn, später scheint sich das zu ändern und das erhöht wiederum die Spannung. Das Ende empfand ich als unbefriedigend, zugleich aber auch als nachdenklich stimmend.

Die Illustration von Mario Franke fängt mit ihren fein aufeinander abgestimmten Farben sehr gut das Atmosphärische und Unaufgeregte dieser Story ein und wirkt dadurch so stark wie ein gut komponiertes Gemälde.

"Mein Uterus windet sich, Krämpfe schütteln mich. Ich sitze an einem schattigen Ort in einiger Entfernung meines Lagers und blute in den Sand. Was soll ich sonst tun? Die Schildkröten stören sich nicht an mir." (S.30)

Fazit: Einer meiner persönlichen Favoriten. Gelungene Story, atmosphärisch erzählt, ein slow-burner, der lange nachklingt.


Der Text "Die Numerophilen" von Hans Jürgen Kugler setzt die Alien-Brille auf und betrachtet auf unterhaltsame Weise die menschliche Vorliebe für Zahlen. Beim Lesen fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Ich bin eigentlich ein Alien und muss ganz schnell von der Erde gerettet werden! Und wenn das klappt, muss es mir nie mehr peinlich sein, die eigene Telefonnummer nachschlagen zu müssen. Andererseits: was wären wir gerade jetzt ohne unsere Zahlen? Während einer Pandemie modellieren sie die Zukunft und ermöglichen uns das Handeln, in einer Zeit, in der oft nur auf Sicht gefahren werden kann...

"Ewige Seeanemonen" von Maike Braun spielt im Meer und an Land und erzählt uns von den dort lebenden Wesen. Bei der Meeresbewohnerin Octavia denke ich natürlich sofort an Octavia E. Butler, als dann aber Oriano und Onellio auftauchen wird schnell klar: in dieser Story haben alle Oktopus-artigen Wesen einen Namen mit dem Anfangsbuchstabe O. Das macht für mich keinen Sinn und spült gegen meinen Willen Assoziationen von möglichen Kinderbuchheld:innen in mein Hirn: Otto Oktopus, Gloria Goldfisch...

Wie Oriano, Octavia und Onellio ihr Essen unter Wasser im "Kochtopf" zubereiten, bleibt mir schleierhaft. Ebenso: wie sie ihre Cremetiegel unter Wasser in Regalen abstellen (?).

Die Illustration von Oliver Engelhard spielgelt gut die Fantasy-Vibes wieder, die ich von dieser Story empfange.

Spannung ergibt sich in der Erzählung daraus, dass zwei zunächst unabhängige Welten geschildert werden, die wohl früher oder später aufeinander stoßen werden. Die menschlichen Landbewohner sind technologisch und gesellschaftlich eher rückständig. Mädchen steuern hier direkt auf die (arrangierte?) Heirat zu, dürfen vorher aber noch à la Katniss mit Pfeil und Bogen herumlaufen. Das Ende hat mir gut gefallen, ebenso gefallen hat mir, dass die Story ohne Info-Dumping auskommt und einen angenehmen Rhythmus zwischen erzählendem Text und Dialogen findet. Die Spannung wird eher niedrig gehalten.

"Oriano erntete gerade Seegurken, als er Octavias Aufregung roch." S.36

Fazit: Gut erzählte Story zweier unterschiedlicher Welten, bei der mich die Beschreibung der Meeresbewohner:innen nicht ganz so überzeugt hat.


In "Alte Schule" von Christian Endres sitze ich im Kopf eines älteren Herrn, das empfinde ich zunächst als angenehme Abwechslung. Leider handelt es sich hier, um einen besonders konservativen und ich-zentrierten Menschen. Die Welt, in der dieser selbst deklarierte "Anachronismus" lebt, ist selbst ein Anachronismus: technologisch fortschrittlich, dafür gesellschaftlich rückständig. Denn hier sind offenbar immer noch Frauen dazu da, sich um die Kinder zu kümmern. Insgesamt werden drei Frauen erwähnt: eine Mutter, eine Studentin und eine Tiger-Leggings tragende Dame, die, zum Schock des Herrn, über das Telefon öffentlich über Sex redet (Mit "Let´s talk about sex baby" richtete sich Popmusik bereits 1991 gegen die Zensur des Themas, mir ist daher unklar, in welche Zeit dieser Herr lebt und nach welcher Zeit er sich zurücksehnt). Im Gegensatz zu den eher berufslosen Frauen, treten Männer hier als Geschäftsmänner, Koch, Gangster oder Millionär auf. Der ältere Herr geht davon aus, dass jed:er, sich über ihn Gedanken macht, als wäre er der Nabel der Welt. Genauso ich-bezogen betrachtet er auch die Tatsache, dass es keine Elefanten mehr im Zoo gibt, sondern nur noch Hologramme. Echt gemein diese moderne Welt! Dass es Elefanten im Zoo vielleicht nie gefallen hat, kommt der Story nicht in den Sinn. Und dann muss dieser arme Mann sich auch noch vegane Wurst in den Mund schaufeln sogenannte "Vurst". Sich selbst versteht er dabei ohne Ironie (!) als "alten Tierfreund".

Die Illustration von Jan Hoffmann passt perfekt, weil sie den älteren Herrn als isoliert von anderen Menschen darstellt, was dessen Isolation von der Moderne und der Menschheit an sich ganz gut versinnbildlicht.

Über Menschen, die für einen "Hungerlohn" nach "falscher Anerkennung" "schürfen" kann der alte Herr nur den Kopf schütteln. Dass es Menschen gibt, die schuften müssen, um zu überleben oder für andere zu sorgen, wird nicht verhandelt. "Bleib offline, bleib unsichtbar" wird in der Story dann auch als die große menschliche Tat der Moderne vorgeschlagen, ist aber letztendlich ein Privileg, denn die arbeitende Klasse kann sich diesen Luxus nicht leisten, sie müssen arbeiten um zu existieren. Menschen wie der ältere Mann arbeiten nur, um zu vererben.

"bleib offline, bleib unsichtbar" (S.46) 

Fazit: Etwas einseitig erzählte, aber trotzdem kurzweilige Story mit guter Pointe


Als nächstes kommt das Special zu Simon Lejeune. Beim Anschauen der Bilder bekomme ich Lust mal wieder einen Graphik Novel zu lesen. In den Kunstwerken lassen sich viele Details entdecken. Bei den heutigen Möglichkeiten noch mit Tinte und Wasserfarben zu malen ist eine Leistung an sich, und wenn ich mir anschaue, was bei Lejeune dabei herauskommt, bin ich verdammt beeindruckt.

"Tatjanas Entscheidung" von Nicole Rensmann ist eine interaktive Geschichte zum Thema Gaming. Nostalgie steigt in mir auf, denn interaktiven Geschichten habe ich in der Grundschule für meine Geschwister geschrieben. Das Thema Gaming interessiert mich auch. Ich hänge mich in Tatjanas Befreiung rein, gehe durch alle Türen, aber ich fiebere nicht so richtig mit. Denn gefühlt steht nicht wirklich etwas auf dem Spiel. Die Story hat für meinen Geschmack zu viel erzählt und zu wenig erleben lassen.

"Alles war fehlerabfällig. Auch sie selbst." (S.69)

Fazit: Eine nette Idee, nur bei mir ist der Funke nicht übergesprungen


In "Flucht vor der Schwere" von Christian J. Meier ist die Protagonistin ein junges Mädchen namens Melinda. Wie die Mädchen in den vorherigen Stories (Anasthasia und Lucille), besitzt Melinda a) einen wohlklingenden Prinzessinnenamen, wird uns b) als sex- und/oder heiratsfähig vorgestellt und kommt c) aus einer technologiearmen, gesellschaftlich rückständigen Welt.

Da Melinda äußerst wissbegierig ist, wird sie zu unserem Personal Guide. Wir folgen ihr durch eine Welt, die von einer geheimnisvollen Schwere heimgesucht wird. In dieser Welt haben sich Männer mal wieder alle Berufe unter den Nagel gerissen: Sie sind Bauern, Wachen, Ingenieure, Doktoren und Kapitäne. Um wortwörtlich "nach oben" zu kommen, setzt Melinda ihre körperliche Attraktivität ein. Seit Pippi Langstrumpf und spätestens seit der Welle an YA Dystopien wissen wir, dass Mädchen in Geschichten auch andere Wege finden könnten, um handlungsfähig zu werden...

Beim Lesen bekomme ich manchmal das Gefühl, ich bin in einer langwierigen Erklärung gefangen, bei der mir jemand immer wieder schildert, wie Schwerkraft funktioniert. Die Illustration von Stas Rosin hat eine gute Lösung gefunden, um dieses Gefühl darzustellen.

"Dieser Mann wird jetzt eben zu Dünger!" (S.77)

Fazit: Eine eher langsam erzählte Geschichte, bei der der Dialog mit der KI mein persönliches Highlight bleibt.


"Alles eine Frage der Einstellung" von Gabriele Behrend erzählt davon, wie Androiden in Abwesenheit ihrer menschlichen Familie viben, einfach mal unbeschwert miteinander abhängen. Die Illustrationen ebenfalls von Gabriele Behrend erinnern mich an Barbies in schwarzweiß und passen gut zu dem Spiel zwischen Spaß und Ernst. Was mich nämlich anfangs an feiernde Teenies ohne Eltern erinnert, wird im Lauf der Story zur existentiellen Suche nach Lebenssinn und Emanzipation. In dieser Story treffen wir auch den ersten queeren Menschen. Die Story wird immer tiefschichtiger und unterhaltsamer und mündet schließlich in einem perfekten Ende!

"Er musste sogar feststellen, dass er die Nähe ganz angenehm fand. Er befand sich also wohl doch noch im postkoitalen Ruhemodus." (S.89)

Fazit: Sehr unterhaltsame Story mit äußerst befriedigendem Ende!


In "Blinde Könige" von Moritz Greenman gibt es wieder nur Männer mit Berufen, die auch noch zufällig alle neuen Technologien erfunden haben. Frauen sind ihr entweder die kranke Ehefrau oder die Jugendliebe mit dem tollen Hintern. Und wieder eine Geschichte, in der Technologie dem Mensch eher schadet. Die Story schmilzt das Ganze auf einen Ego-Kampf zwischen zwei Männern zusammen, die beide nicht davor zurückschrecken Kontinente und Länder zu zerbomben, um sich gegenseitig zur Strecke zu bringen, dass dort vielleicht noch andere Menschen leben, findet in der Story keine große Beachtung. Auch den beiden Protagonisten ist es egal. Hauptsache dem anderen eins auswischen. Das führt zu ungewollt komischen Momenten. Zum Beispiel wird die totale Zerstörung, also alles "den Erdboden gleichmachen" vom Protagonisten als "steiniger Weg zurück zur Menschlichkeit" verstanden, für den er sich selbst auf die Schulter klopft. Ich möchte den Protagonisten gern mit dem technologiefeindlichen älteren Mann bekannt machen, der glaubt das Vermissen von tierischer Wurst und Zootieren bedeutet ein alter Tierfreund zu sein. Ich glaube, die beiden könnten Freunde werden.

Die Illustration von Mario Franke gefällt mir gut, weil sie auch der Zerstörung der Welt Raum gibt und die Doppelrolle des Protagonisten veranschaulicht: ein Zerstörer, der sich selbst als Opfer dramatisiert.

Das Besondere an der Story ist, dass sie das gesamte Geschehen mit Hilfe eines Dialogs erzählt. Die Stimme der KI ist dabei gut getroffen. Der Mensch wird gegen Ende pathetisch und zeigt uns, welche Sprachbilder sich aus "blind" und "König" basteln lassen. Und als Schluss gibt es noch die (erwartbare?) Pointe.

"Es ist wichtig, dass Sie sich erinnern." (S.96)

Fazit: Teils spannende Story mit gut getroffener KI, allerdings lässt die gewählte Dialogform nur wenig unterschiedliche Stimmen zu und wird gegen Ende mühselig zu lesen.


"Ein perfekter Tag" von Thomas Kolbe führt mich in eine dystopische Welt mit "marodierenden Banditen" und "mutierten Hunden".

Die Illustration von Gerd Frey führt mich ein bisschen in die Irre, denn darauf sieht die Welt wie eine leere Mondlandschaft aus.

"Ich hänge altmodischerweise an meinem Geruchsinn und meinen Lungen (S.103)

Fazit: Ein wahr gewordener Prepper-Traum.

(Moment, muss kurz checken, ob ich noch Konservendosen habe...)

Fazit

Die drei Herausgeber haben bei der Auswahl der Stories exzellente Arbeit geleistet! Heft 42 bietet eine reichhaltige und kurzweilige Zusammenstellung. Autoren und Autorinnen, sowie Erzählperspektiven und SF-Spielarten wechseln sich gegenseitig ab, was das Lesevergnügen enorm steigert und kaum Langweile aufkommen lässt. Genauso verhält es sich auf visueller Ebene: Die teilweise ganzseitigen Graphiken bereichern jede Story und sind in Stil und Ausdruck so vielfältig wie die Stories selbst. Das Special über Simon Lejeune hat mich persönlich sehr gefreut (mental note: mehr Kaffee trinken, mehr Konservendosen kaufen, mehr Graphik Novel lesen).

Alle Stories sind lesenswert und so manche Pointe überrascht oder stimmt nachdenklich. Auffallend ist die allgemeine Sehnsucht nach einer vor-technologischen, gesellschaftlich rückständigen Zeit. Treten Technologien auf, kommt ihnen meist die Rolle zu, dem Menschen schaden zu wollen. Menschen mit Migrationshintergrund treten in den Geschichten gar nicht auf (2020 besitzt jede:r vierte Deutsche einen Migrationshintergrund). Treffen Menschen und Fremde aufeinander, endet das für eine Seite meist schlecht. Auch für Frauen und Mädchen sieht es eher düster aus, ihr Handlungsspielraum bleibt in der Regel eingeschränkt. In nur einer einzigen Story kämpfen Wesen gemeinsam gegen ihre soziale und gesellschaftliche Unterdrückung.

Besonders empfehlenswerte Stories sind meiner Meinung nach:

  • "Notizen zur Beobachtung von Schildkröten nach einer Bruchlandung" von Lisa Jenny Krieg
  • "Alles eine Frage der Einstellung" von Gabriele Behrend
  • "Schwarmverhalten" von Olaf Lahayne
  • "Am Ende - Eden" von Maria Orlovskaya

Sobald ich das Heft zuschlage, finde ich mich in einer Gegenwart wieder, in der Frauen ganz selbstverständlich Länder regieren und Männer ganz selbstverständlich mit ihren Kindern in den Park gehen. 

Erst letztes Jahr hat eine Frau mit Migrationshintergrund eine neue lebensrettende Technologie entwickelt, ein Mädchen kämpft trotz Gegenwind für die Zukunft des Planeten (und wird damit zum Vorbild einer ganzen Generation) und ein blinder König wurde erst vor kurzem schlicht und einfach abgewählt (auch wenn er das in seiner Blindheit nicht wahrhaben will). 

In dieser Welt nutzen Menschen aktuelle Technologien: für die Bildung ihrer Kinder, um kollaborativ zu arbeiten, wissenschaftliche Ergebnisse zu teilen oder einfach um mit Freunden und Familie Zeit zu verbringen.

Zurück aus der Zukunft fühlt sich die gegenwärtige Welt trotz Pandemie beinahe utopisch an...